Gastvorlesung „Lehm – vom Weltkulturerbe zum marktreifen Stoff für die Bauwende“: Innovationen für resilienten, klimaneutralen Hochbau
Heute fand im Modul Baustoffe-/Werkstofftechnik des Diplomstudiengangs Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (Fakultät W) an der Hochschule Zittau/Görlitz (HSZG) eine besondere Gastvorlesung zum Thema Lehmbau statt.
Unter der Leitung von Lars Klitzke standen aktuelle Entwicklungen rund um Lehm als leistungsfähigen, kreislauffähigen und bauphysikalisch wirksamen Baustoff im Mittelpunkt – mit einem klaren Fokus auf die Anforderungen der Transformation im Gebäudesektor: Dekarbonisierung, Ressourceneffizienz, Innenraumkomfort und Klimaanpassung.
Als Referent:innen begrüßte die HSZG zwei ausgewiesene Expert:innen:
- Gerd Meurer, Lehmbau-Spezialist und Geschäftsführer der WEM GmbH Flächenheizung und -kühlung, langjährig engagiert als Referent, Netzwerker sowie ehemals öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Lehmbau, Vorstand Dachverband LEHM
- Jennifer Schaub, Architektin mit Schwerpunkt nachhaltige Architektur, Holzbau und Natural Building, internationale Lehr- und Workshop-Erfahrung sowie starkem Praxisbezug zu zukunftsfähigen Planungs- und Bauprozessen
Lehm als Bauphysik-Booster und Low-Carbon-Baustoff
Im wissenschaftlichen Teil der Veranstaltung wurde deutlich: Lehm ist keineswegs ein „traditioneller Nischenbaustoff“, sondern gewinnt im Kontext moderner Gebäudekonzepte zunehmend an Relevanz – insbesondere durch seine hygrothermischen Eigenschaften und sein Potenzial in kreislauforientierten Bauweisen.
Lehm wirkt als natürlicher Feuchte- und Temperaturpuffer und unterstützt dadurch ein stabiles, behagliches und gesundes Innenraumklima. Gerade vor dem Hintergrund steigender sommerlicher Wärmelasten und wachsender Anforderungen an Komfort und Resilienz ist diese Materialwirkung von hoher praktischer Bedeutung. Gleichzeitig erfüllt Lehm zentrale Kriterien einer nachhaltigen Materialstrategie: regionale Verfügbarkeit, geringe ökologische Belastung, Rückbaubarkeit und Rezyklierbarkeit – häufig bis hin zur sortenreinen Trennung in Verbindung mit konsequent geplanten Trockenbausystemen.
Praxisbeispiel: Holz–Stroh–Lehm als integrales Gebäudesystem
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf einem Neubau aus Holz, Stroh und Lehm (Baujahr 2022), in den die jahrzehntelangen Erfahrungen und Ideen von Gerd Meurer eingeflossen sind. Das Gebäude wurde als integrales Gesamtsystem vorgestellt – nicht nur als Materialkonzept, sondern als kohärente Verbindung von Baukonstruktion, Bauphysik und Technischer Gebäudeausrüstung.
Hervorgehoben wurden dabei insbesondere:
- Diffusionsoffene, bauphysikalisch robuste Konstruktionen mit hoher Dauerhaftigkeit und geringer Schadensanfälligkeit
- die Vorteile einer trockenbaubasierten Bauweise (u. a. Rückbau- und Anpassungsfähigkeit)
- die Qualität der Innenraumoberflächen durch helle Lehmputze mit ausgeprägter Haptik und gestalterischer Wirkung
- ein konsequent auf Behaglichkeit ausgelegtes Konzept aus Flächenheizung/-kühlung (Strahlungswärme im Winter, spürbar angenehme Temperierung im Sommer)
- ressourceneffiziente Komponenten wie holzfaserbasierte Aufbauten und langlebige, komfortable Bodenlösungen
Im Bereich der Energie- und Versorgungstechnik wurden Lösungen vorgestellt, die das Gebäude auch im Kontext zunehmender klimatischer Extreme und Energiepreisvolatilität robust machen:
Eine präzise dimensionierte Wärmepumpe in Kombination mit Erdsondenbohrung (hoher Wirkungsgrad durch stabile Quelltemperaturen) sowie eine großflächige Photovoltaikanlage auf der gesamten Dachfläche bilden den Kern eines zukunftsweisenden, elektrifizierten Versorgungssystems. Ergänzt wird das Konzept durch eine 10,5 m³ Zisterne, die u. a. Toilettenspülung, Waschmaschine und Gartenwasser versorgt.
Diskussion: Innovationen mit Lehm – vom Material zur Systemleistung
Im Anschluss an die Vorträge diskutierte Lars Klitzke gemeinsam mit Gerd Meurer, Jennifer Schaub sowie den teilnehmenden Studierenden und Gasthörer:innen zentrale Fragen zur Zukunftsfähigkeit des Lehmbaus.
Im Fokus standen dabei u. a.:
- Lehm als Baustein für Low-Carbon-Strategien und CO₂-arme Wertschöpfungsketten
- die Rolle von Lehm für Sommerlichen Wärmeschutz, Nutzerkomfort und Innenraumgesundheit
- das Zusammenspiel von Materialwahl, Konstruktion und TGA als Schlüssel für robuste Gebäudesysteme
- Perspektiven für serielles, kreislaufgerechtes Bauen und die Übertragbarkeit auf Neubau- und Sanierungsprojekte
Die Gastvorlesung verdeutlichte damit eindrucksvoll, dass die Bauwende nicht allein eine Frage einzelner Technologien ist – sondern eine systemische Aufgabe, in der Material- und Konstruktionsentscheidungen zunehmend gleichrangig neben Effizienzmaßnahmen und Energietechnik stehen.
Lehre mit Praxisbezug: Zukunftskompetenzen im Studium der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft
Mit der Veranstaltung stärkt die Fakultät W an der HSZG gezielt den Praxis- und Forschungsbezug in der Lehre. Für angehende Fach- und Führungskräfte der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft ist die Einordnung von Baustoffinnovationen in Lebenszyklusdenken, Investitionsentscheidungen, Klimastrategien und Bewirtschaftungslogiken ein zentraler Kompetenzbaustein.
Die Fakultät W bedankt sich herzlich bei Gerd Meurer und Jennifer Schaub für die hochkarätigen fachlichen Impulse – sowie bei allen Studierenden und Gasthörer:innen für die engagierte Diskussion.
Lars Klitzke, M. Eng.
Berufungsgebiet: Vertretung der Professur Ingenieurwesen,
TGA Fachplanung und Bauphysik
03583 612-4679
Haus Z II, Raum 106.2
Text/Bilder: Lars Klitzke
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